Meine Bewunderung gilt den alten Baumeistern, den Generalisten, die ohne Computer und Sonder-Fachleute auskamen. Und trotzdem Bauwerke schufen, die uns noch nach Jahrhunderten Ehrfurcht einflößen.
Baukunst bedeutete für sie, den Zweck des Hauses optimal zu erfüllen, langlebige Bausubstanz zu schaffen und das Gebäude ansprechend zu gestalten. Das galt nicht nur für Kirchen und Residenzen, sondern auch für Bürger- und Bauernhäuser.
Heute sehen viele Architekten ihre Arbeit im außergewöhnlichen Design. Die Überbewertung von Ästhetik und Architektur lässt die anderen Bauaufgaben in den Hintergrund treten.
Aber Häuser werden nicht zum Anschauen gebaut. Nach wie vor müssen sie ihren Zweck erfüllen, technisch funktionieren und auch das Gefühl zufrieden stellen.

„Form follows Funktion!" Die gern zitierte Aussage des großen amerikanischen Architekten Louis Sullivan ist gründlich missverstanden worden. Sullivan fordert nicht „cooles Design", sondern dass Häuser auch Gefühl und Seele Raum bieten. Offensichtlich hat jedoch kaum jemand den Originaltext gelesen. Wohlfühlen und Behaglichkeit sind die Grundlagen für Wohnqualität, aber die dafür wichtigen Kriterien scheinen in Vergessenheit geraten.
Energie ist teuer. Müssen wir deshalb in Maschinenhäusern leben, oder ein so ungesundes Raumklima hinnehmen, dass dem Passivrauchen gleichkommt!
Unsere Großeltern hatten viel weniger Energie zur Verfügung. Dennoch lebten sie in ihren Häusern vergleichsweise billig und gesund. Und die Bausubstanz überdauerte mehrere Generationen.
Heute wird versprochen, mit wenig Kapital hohe Ansprüche zu realisieren. Schlechte Bauqualität muss jedoch ein Leben lang nachbezahlt werden.

 

1964 Es war die Unbefangenheit eines Studenten, die mich schon im Studium bewog, an einem Architektur-Wettbewerb für ein Ferienzentrum teil zu nehmen und eine Halle mit einem hängenden Dach zu entwerfen. Unerwartet bekam ich den ersten Preis und hatte nun das Problem, einen Statiker finden, der ein hängendes Holz-Dach berechnen konnte.
Die Halle wurde 1972 gebaut und dient einem Ferienlager an der Ostsee als Mehrzweckbau.

1970 Das erste Haus habe ich für mich selbst gebaut. Nur 106 qm groß, als Einraumhaus mit offener Schlafgalerie. Ein hölzerner Kubus mit Pultdach wird umfasst von massivem Block-Mauerwerk aus Porenbeton.
Für die damalige Zeit war die Bauweise ein Novum und die Architektur für viele Betrachter gewöhnungsbedürftig. Der Fachwelt hingegen gefiel das Haus so gut, dass es 1972 mit dem BDA-Preis ausgezeichnet wurde.

1975 nahm ich in meinem Haus die (vermutlich erste private) Wärme-Pumpe in Deutschland in Betrieb. Die Zeitschrift ZUHAUSE hatte mir Zugang zu dieser faszinierenden Technik verschafft.
Speziell für die Wärmepumpe baute ich einen Gartenteich als Solarkollektor und Energiespeicher. Obwohl das System einzigartig war, habe ich es nach vier Jahren durch eine Gasheizung ersetzt. Die Energie-Ersparnis rechtfertigt den technischen Aufwand für ein Privathaus nicht. Das sehe ich auch heute noch so.

1976 Grundsätzliches Umdenken in meiner Architektenarbeit bewirkte die Villa Reimann in Hamburg. Expressive Fassaden-Gestaltung und ein Großraum mit anspruchvoller Farbgestaltung machten das Haus zur Bühne für seine Bewohner. Doch die Forderung nach außergewöhnlicher Architektur hatte die Planung zu stark bestimmt.
Die Folge waren Einbußen bei den hauswirtschaftlichen Funktionen.
Diese Erkenntnis führte dazu, fortan keine Kompromisse mehr einzugehen.

1978 konnte ich ein Gärtnerhaus der Jahrhundertwende vor dem Verfall retten und zum Wohnen umbauen. In Alsbach am Hang des Odenwaldes. Beim Studium der regionalen Architektur wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie viel baumeisterliches Wissen in alten Häusern verborgen ist, und welch hohe Bauqualität für deren Handwerker Standard war.

1983 Mini-Reihenhäuser für einen Mediziner in außergewöhnlicher  Konstruktion. Unter den Satteldächern verbergen sich Gewölbe. Sie bieten viel Luftraum und dadurch gutes Klima.
Dazu ein bandscheiben-freundlicher Schwingfußboden. Alles modern, aber nach altem Wissen gebaut.

1985 habe ich für das III. Programm des Norddeutschen Fernsehens eine Villa aus der Jahrhundertwende für eine fünfteilige Fernseh-Serie stilgerecht renoviert und energietechnisch optimiert.

Im selben Jahr erschien mein erstes Sachbuch „Gesunde Wärme für wenig Geld". 10 Jahren Erfahrung mit neuen Energiekonzepten und meine Hinwendung zur Strahlungs-Heizung habe ich hier zusammengefasst. Das Buch ist mittlerweile vergriffen.

1986 bot mir der Hamburger Bauer Verlag die Möglichkeit, die Zeitschrift BAUIDEE zu gründen und nach eigenem Konzept zu leiten. Nunmehr führte ich die Architektenarbeit als Chefredakteur weiter. Schwerpunkt war die Erhaltung und der Umbau von Altbauten. In 14 Jahren erfolgreicher Arbeit habe ich mit vielen Fachleuten Details zur baulichen Verbesserung von Häusern entwickelt und veröffentlicht.

2000 Rückzug aus der Redaktion und Übernahme eines Entwicklungsauftrags für ein Versuchshaus von RUHRGAS.  Hier sollte verloren gegangenes Wissen in moderne Bauplanung einfließen, um Daten für geringen Energieverbrauch zu erarbeiten. Auch ohne spezielle Technik waren Energie-Einsparungen bis 25 % berechnet. Mit der Übernahme von RUHRGAS durch EON wurde das Projekt jedoch eingestellt.

2005 hatte ich endlich die Zeit, meine Erfahrungen als Architekt und Journalist in zwei Taschenbüchern nieder zu legen. Hier werden Fragen zum Hausbau offen gelegt, die eigentlich jeder selbst beantworten kann, in der Realität aber meist kurzlebigen Träumen und Unerfahrenheit zum Opfer fallen.

2007 Im Schloss Bredeneek bei Kiel mussten wertvolle Gemälde des Malers Wilhelm von Kaulbauch durch eine spezielle Heizung geschützt werden. An Optik und Funktion des Heizsystems für den fast 100 qm großen Saal wurden vom Denkmalschutz überaus strenge Auflagen gestellt.
Das Ergebnis sind schlanke Heizsäulen vor den Fenster-Flächen und ein verblüffend geringer Energieverbrauch. Das Prinzip dieser Strahlungsheizung ist nicht neu. Karl Friedrich Schinkel nutzte es schon 1824 im
Jagdschloss Antonin.

Gern will ich zugeben, dass ich viele Jahre gebraucht habe, um Häuser „als Investition ins Leben" zu begreifen. Und dass auch attraktivste Fassaden keine funktionellen Fehlplanungen rechtfertigen. Gleiches gilt für eine Bautechnik, die sich nur noch an der Dicke der Wärmedämmung orientiert.
Reizvolle Architektur braucht keine anspruchsvollen Formen. Das beweisen die Bauklotz-Häuschen. Und auch das Energie-Sparen war von früheren Baumeistern schon in Entwurf und Bauweise integriert. Ihre Lösungen funktionierten ohne aufwendige Technik naturgesetzlich richtig.
Heute sehe ich eine große Aufgabe darin, die Qualität von Altbauten zu erkennen, sie richtig zu renovieren und kostengünstig zu beheizen.

 

joachim schmidt